Mieszko I., wohl um 935 n. Christus geboren und Sohn des Fürsten Siemomysl aus der Piasten-Dynastie, ist der eigentlich erste polnische Herrscher, der in das Blickfeld des christlich-lateinischen Westens geriet. Während zwischen Elbe und Oder im 10. Jahrhundert unterschiedliche elbslawische Stämme wie die Abodriten, Redarier, Heveller, Daleminzier, Lusizen und auch Sorben in unmittelbarer Nachbarschaft zur sächsisch-fränkischen Herrschaft noch heidnische Kulte zelebrierten, verbreitete sich das Christentum leise und allmählich in Böhmen und Polen. Diese Entwicklungen wären ohne die herausragenden Persönlichkeiten des heiligen Wenzel als auch Mieszko I. undenkbar gewesen. Religion und Politik stellten im ganzen Mittelalter eine untrennbare Einheit dar und waren mit unterschiedlichen Machtschwerpunkten die eigentlichen Impulse jeder Herrschaft.
Der böhmische Christenfürst Wenzel, der 935 n. Chr. wegen seiner Bemühungen um die Christianisierung der Böhmen von seinem Bruder Boleslaw I. getötet wurde, hatte entscheidenden Anteil daran, dass eine nachhaltige Christianisierung bei den slawischen Völkern jenseits der Elbe überhaupt möglich wurde. Und wenn in diesem Zusammenhang der Christianisierung auch immer an das Großmährische Reich im 9. Jahrhundert erinnert wird, das dann 907 durch den Ungarnsturm zerstört wurde, so ist doch heute gesicherte Erkenntnis, dass mit dem Martyrium Wenzels und der wenig später einsetzenden Reliquienverehrung eine neue Qualität der christlichen Mission in slawisch-östlichen Gebieten entstand . Mögen reaktionäre slawisch-heidnische Stämme noch so sehr das „Kyrie Eleison“ bei Feldpredigten verballhornt haben, wie ein christlicher Berichterstatter klagte. Der Tod Wenzels kennzeichnet einen Wendepunkt der südosteuropäischen Geschichte des Mittelalters.
Mit Wenzel verbindet sich auch das Christentum der Polen, heiratete Mieszko I. doch 965 mit Dubrawka die Tochter des Wenzelmörders Boleslaw I., der in tiefer Reue zwanzig Jahre später erheblichen Anteil am Reliquienkult um seinen getöteten Bruder hatte. Es verwundert somit auch nicht, wenn Mieszko I. sich nur ein Jahr später im Jahre 966 taufen ließ. Wenzels Verdienst, im heidnischen Machtumfeld der Ungarn ein klares Bekenntnis zum Christentum abzugeben, wirkte nach und war auch Vorbild des Wirkens des heiligen Adalbert, der Ende des 10. Jahrhunderts bei den heidnischen Prußen in der Nähe des heutigen Eblag (Elbing) den Märtyrertod fand.
Von Mieszko I. lesen wir erstmals zeitnahe etwas beim sächsischen Chronisten Widukind von Corvey, der zwischen 967 und 973 die Sachsengeschichte verfasste. Im Zusammenhang mit dem Schicksal des verstoßenen sächsischen Adeligen Wichmann d. Jüngeren, der sich um sein Erbe betrogen fühlte und zwischen 950 und 970 in Koalition mit elbslawischen Nachbarstämmen gegen Teile seiner sächsischen Verwandtschaft (insbesondere gegen seinen Onkel Hermann Billung) rebellierte, schreibt Widukind in Buch 3, Kapitel 66 (Übersetzung nicht wörtlich):
„Markgraf Gero aber dachte nun an jenem Schwur und gab Wichmann, als er ihn für schuldig befand und zu Recht angeklagt sah, den Barbaren wieder zurück. Diese nahmen ihn freudig auf, und so bedrängten sie weiter entfernte Barbarenstämme. Den König Mieszko, unter dessen Gewalt die Licicawiki genannten Slawen standen, besiegt er zweimal, tötete seinen Bruder und erzwang von ihm reiche Beute.“
Nicht ganz unparteiisch verfolgt der sächsische Geschichtsschreiber Widukind das Geschehen des Rebellen, für den er eine gewisse Sympathie nicht verhehlen kann. Als Mönch und christlicher Berichterstatter hat er für die heidnischen Elbslawen sonst nur den verachtenden Begriff „Barbaren“ übrig. Hier aber will Widukind mit der Beschreibung des Rebellen Wichmann die sächsische Kriegskunst hervorheben. Es zeigt sich ganz offen, dass es während der Herrschaft Ottos I. innerhalb des sächsischen Adels Konflikte gab, die die Bildung unterschiedlicher Koalitionen zur Folge hatte. Die Eskalation des Konflikts, in dem Mieszko I. nun auch durch die Tötung seines Bruders involviert wurde, schildert Widukind in dramatischen Worten. Er beschreibt die verzweifelte Lage Wichmanns folgendermaßen:
„Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque affllictos ad orientem versus iterum se paganis immersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quo modo Misacam amicum imperatoris bello lascesserent; quod eum minime latuit.”
Die Übersetzung lautet etwa:
„Als aber Wichmann hörte, die Burg sei erobert und seine Gefährten gefangengenommen, wandte er sich erneut nach Osten und reiste zu den Heiden, beriet sich mit den Slawen, die Vuloini heißen, als sie Mieszko, der Freund des Kaisers, bekriegen wollte, was diesem aber nicht verborgen blieb.“
Mieszko I. war laut Widukind ein Freund Ottos des Großen, der während dieses Konflikts im September 967 in Italien weilte und überhaupt nach seiner Kaiserkrönung am 2. Februar 962 immer weniger das nordalpine Reich aufsuchte. Die Härte und Brutalität, mit der Konflikte mitunter ausgetragen wurden, entsprach nicht dem eigentlichen Konfliktverhalten der Adeligen im 10. Jahrhundert. Die Milde (clementia) beispielsweise war eine Tugend des Herrschers, die christlichen Leitbildern wie Frieden und Vergebung verpflichtet war. Wichmann war allerdings zuvor von Otto I. immer wieder begnadigt worden, verspielte aber durch sein Querulantentum selbst letzte Freundschaften beim sächsischen Adel und wurde schließlich von dem Heer Mieszkos I. bei der Odeermündung getötet.
Mieszko I. selbst konnte durch die Freundschaft mit dem Kaiser Otto I. ungehindert sein Machtzentrum um Gniezno (Gnesen) bis zum Lebuser Land ausweiten. So wurden die heidnischen Elbslawen zwischen Elbe und Oder nun von zwei christlichen Machtzentren in die Zange genommen, sammelten sich noch einmal im Jahre 983 im so genannten Liutizenaufstand, um dann allmählich wieder in Splitterstämme zu zerfallen. Wenngleich die vollständige Christianisierung der Elbslawen erst im 12. Jahrhundert gelang, so hat Europas Christentum auch dem ersten nennenswerten polnischen Fürsten Mieszko I., der 992 verstarb und seinem Sohn Boleslaw Chrobry sein Reich anvertraute, wichtige Impulse zur Christianisierung getragen. Wenn Thietmar von Merseburg zu Beginn des 11.Jahrhunderts in Bezug auf Boleslaw notiert, dass dieser seinem Vater Mieszko nicht das Wasser reichen könne (Fünftes Buch, Kapitel 9), so darf man dies getrost als tendenziös beiseite schieben, weil Boleslaws eigenmächtiges Verhalten und Persönlichkeit insgesamt in der sächsischen Geschichtsschreibung der Zeit Heinrichs II. als schlecht beurteilt wird. Ohne Mieszko I. wären die Polanen als Stamm und später die Polen kaum ins Geschichtsbild des Westens getreten, das zu dieser Zeit noch immer über das Schriftmonopol verfügte und somit Geschichte für uns erinnerbar festhielt.
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