Dienstag, 16. September 2008 12:54 admin

Christianisierung und erste Spuren der polnischen Geschichte

Christianisierung und erste Spuren der polnischen Geschichte

 

Europas mittelalterliche Geschichte ist die Geschichte des Christentums. Die Christianisierung Europas im Mittelalter vollzog sich in zeitlich unterschiedlichen Schüben. In der allmählichen Auflösung des Römischen Reiches und unter dem Eindruck der Völkerwanderung gab es unterschiedliche Entwicklungslinien mit regionalen Ausformungen. Polytheismus, also der Glaube an mehrere Götter, war keine Seltenheit. Die Germanen waren dabei kein einheitlicher Stamm. Sie waren ein höchst komplexes Gebilde von Stämmen, die sich sogar bis heute im föderativen Staat Deutschlands widerspiegeln.

Die Christianisierung vollzog sich dabei nicht konsequent nach einer geografischen Logik. Sie hatte ihr Epizentrum in Rom, breitete sich in das heutige Frankreich aus und schwappte im 8. Jahrhundert, beschleunigt durch irische Missionare wie Bonifatius, auf die Stämme der Friesen, Sachsen, Westfalen, Hessen,Thüringer und Bayern über. Unterstützt von den letzten Merowingern, der Vorläuferdynastie der Karolinger, kamen diese zu Beginn des 8. Jahrhunderts ins Land, um die christliche Mission voranzutreiben. Es gehört dabei noch immer zu einem besonderen Phänomen europäischer Geschichte, dass sich das Christentum in Irland im 4./5. Jahrhundert ganz besonders festigte und von hier später wieder auf den Kontinent ausstrahlte. Die europäische Christianisierung erhielt ihre Impulse also in einem gewissen Ausmaße aus der Peripherie.  

Es war unterdessen auch die Königsdynastie der Merowinger, die vom Ende des 5. Jahrhunderts bis zur Mitte des 8.Jahrhunderts die Christianisierung des kontinentalen Europas formte. Der merowingische Herrscher Chlodwig I. konvertierte nach erfolgreichen Schlachten Ende des 5.Jahrhunderts zum Christentum und ließ sich 497, 498, 499 oder 507 n. Christus vom fränkischen Bischof Remigius von Reims in der Kathedralkirche zu Reims taufen. Damit war die für die Verbreitung so wichtige Kombination von weltlicher Herrschaft und religiöser Stellvertretung auf Erden eingeleitet.

Das Christentum im antiken Rom war noch im 2. und 3. Jahrhundert von pazifistischen Strömungen geprägt. Christen desertierten im römischen Heer oder verweigerten den militärischen Dienst mit Hinweis auf ihren christlichen Glauben. Es war nicht zuletzt der Kirchenvater Augustinus, der im 4. bzw. 5. Jahrhundert nach Christus unter anderem mit seinem Werk „De civitate dei“  (Über den Gottesstaat) den ideologischen Grundstein für die christliche Erlaubnis zur Gewaltanwendung unter besonderen Umständen legte.

Flüsse, Gebirgsketten sowie andere natürliche Grenzen waren indes in der Geschichte häufig einfache Hindernisse für das schnelle Überschwappen bestimmter Kulturen und Strömungen. Das westliche Europa formte sich nun zur Mitte des 8. Jahrhunderts beinahe in ihren heutigen geografischen Strukturen aus. Karl der Große übernahm ab 768 n. Chr. als fränkischer König das Szepter und trieb die Christianisierung mit Gewalt voran. Er missionierte den letzten germanischen Stamm, die Sachsen unter Widukind, um 785. Sachsen umfasste zu diesem Zeitpunkt vor allem das heutige Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die Elbe stellte damit im letzten Quartal des 8. Jahrhunderts einen natürlichen Grenzfluss dar, der den nun lateinisch christlichen Westen vom slawisch besiedelten heidnisch geprägten Osten trennte. Diese neue Ausdehnung bis an die Grenzen der Barbaren, wie die slawischen Nachbarstämme der Abodriten, Wilzen, Sorben jenseits der Elbe von christlichen Zeitgenossen genannt wurden, verursachte für das fränkisch-sächsische Reich bis weit in das 9. und 10. Jahrhundert immer wieder Gefechte mit den so genannten Elbslawen, weil die sich in ihrer Lebensweise bedroht fühlten und sich keineswegs von den Nachbarn unterdrücken lassen wollten. Interessanterweise gab es indes auch slawische Minderheiten westlich der Elbe, im Raum Celle beispielsweise. Die Slawen wurden hier Wenden genannt, sodass das heutige Wendland (Gorleben) namensgeschichtlich aus dieser Zeit herrührt. In Ostdeutschland haben sich schließlich bis heute Orte mit einer typisch slawischen Endung auf –ow (Teltow, Güstrow) erhalten. Wichtiger aber ist noch, dass sich der elbslawische Stamm der Sorben im Osten Brandenburgs bis heute seine eigene Kultur und Sprache bewahrt hat.

Karl der Große übernahm dann 789 n. Christus erstmalig gegen die elbslawischen Wilzen, Abodriten und Sorben einen großen Militärzug über die Elbe und hinterließ im östlichen Nachbarland eine bleibenden Eindruck, der sich nachhaltig auf die slawischen Sprachen auswirkte. Das polnische „król“ für König leitet sich von Karl dem Großen ab und fand als Bezeichnung für König in allen slawischen Sprachen eine linguistische Entsprechung. Die etwas nach 789 verfassten fränkischen Annalen notieren zum Zug Karls des Großen 789 folgendes:

 

„DCCLXXXVIIII. Inde iter permotum partibus Sclavaniae, quorum vocabulum est Wilze, Domino adiuvante; et una cum consilio Francorum et Saxonum perrexit Renum ad Coloniam transiens per Saxoniam, usque ad Albiam fluvium venit ibique duos pontes construxit, quorum uno ex utroque capite castellum ex ligno et terra aedificavit. Exinde promotus in ante, Domino largiente supradictos Sclavos sub suo dominio conlocavit. Et fuerunt cum eo in eodem exercitu Franci, Saxones; Frisiones autem navigio per Habola fluvium cum quibusdam Francis ad eum coniunxerunt. Fuerunt etiam Sclavi cum eo, quorum vocabula sunt Suurbi, nec non et Abotriti, quorum princeps fuit Witzan. Ibique obsides receptos, sacramenta conplurima, Domino perducente Franciam pervenit.“

 

Übersetzen kann man das in etwa so, wobei ich ausdrücklich betone, dass ich hier nicht streng wörtlich übersetze:

 

„Im Jahre 789 trat er (Karl der Große) mit Gottes Hilfe einen Heerszug gegen die Slawen an, die man Wilzen nennt. In Einmütigkeit mit den Franken und Sachsen überquerte er den Rhein bei Köln in Richtung Sachsen, überquerte dort die Elbe und ließ dabei zwei Brücken schlagen und auf der einen Seite einen Posten aus Holz und Erde erbauen, um dann mit den dazu stoßenden Friesen und Sachsen per Schiff auf der Havel entlang zu fahren.  Und so brachte er nicht nur die Sorben unter seine Botmäßigkeit, sondern auch die Abodriten mit ihrem Führer Witzan. Nachdem er einige Geiseln genommen hatte, kehrte er ins Frankenreich zurück.“

 

Die erste Begegnung des lateinischen und mittlerweile vollständig christlich geprägten Westens mit den slawischen Stämmen östlich der Elbe 789 hatte die Huldigung und Anerkennung der Macht Karls des Großen zur Folge. Und das Wort „król“ ging für immer in den slawischen Wortschatz ein. Nichtsdestotrotz kennzeichnete der lateinische Westen in zeitgenössischen Quellen die slawischen Stämme jenseits der Elbe und Oder noch lange als Barbaren. Etymologisch rührt der Begriff der Slawen möglicherweise von einem altslawischen Stamm „ slo/sla = Wasser“. Es gibt aber hierfür keine schlüssige Argumentation. Dass sich das Wort „Sklaven“ im Deutschen aber von Slawen abgeleitet hat, dürfte sich unter anderem daraus erklären, dass sich ein blühender Handel mit slawischen Sklaven im 9. und 10. Jahrhundert im karolingischen und später ottonischen Reich entwickelt hatte.  

Karl der Große sowie seine Berater sind an dieser Stelle aber noch zu erwähnen, weil sie wohl die größte Schriftrevolution der europäischen Geschichte einleiteten. Sie bildeten Menschen in Klosterschulen zur Schrift aus und leiteten sie nun an, jeden neuen Satz mit einem Großbuchstaben anzusetzen und jedes Satzende mit Punkt zu markieren. Bis dahin hatte man die Kleinschreibung in antiker Tradition fortgesetzt.

Die Schrifttätigkeit erreichte somit in der Karolingerzeit bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts eine Hochkonjunktur und bildete junge Mönche aus, die alte Lateinquellen neu abschrieben (man nennt diesen Vorgang „kopieren“!) und interpretierten. Und damit leiteten sie eine Entwicklung ein, die es überwiegend mündlich geprägten Gesellschaften des Frühen Mittelalters auf breiterer Basis ermöglichte, zeitbegrenzte Kenntnisstände und Lebensformen für spätere Generationen besser zu archivieren. Und somit dürfen wir noch heute von einer in der Staatsbibliothek München liegenden Handschrift profitieren, die uns im nächsten Blog eine erste Auskunft über Regionen und Städte des heutigen Polens überliefert.

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Allgemeines

1 Kommentar zu “Christianisierung und erste Spuren der polnischen Geschichte”

  1. [...] Unter dem Titel Polnische Geschichte ist ein Blog gestartet, der einen Ableger des D-PL Deutsch-Polnisches Forum darstellt und vertiefte Kenntnisse über wichtige historische Zusammenhänge, die sich auf Polen beziehen, vermitteln soll. Fachlich kompetent, gut verständlich und interessant befasst sich nach der Einführung unter der Überschrift Spuren der Geschichte Europas – Spuren der Geschichte Polens der erste Beitrag mit der Christianisierung und ersten Spuren der polnischen Geschichte. [...]