Montag, 11. Mai 2009 05:52 admin

Boleslaw Chrobry

Als Mieszko I. am 25. Mai 992 starb, hinterließ er eine gefestigte Herrschaft aber auch mehrere Erben, die sich um die Nachfolge stritten. Boleslaw, der Sohn aus der Ehe mit Dubrawa, vertrieb seine Schwiegermutter Oda und deren Söhne. Die Konsolidierung von Herrscherdynastien bedurfte im Mittelalter häufig drei aufeinander folgender Generationen. Der Tod eines Herrschers und die Nachfolgefrage einer jungen Dynastie ließen häufig Ansprüche aus verwandtschaftlichen Linien der Herrscherfamilie aufkommen, die zu feindlichen Auseinandersetzungen und zur Schwächung der Herrschaft selbst führen konnte. Und auch die Geburt mindestens eines männlichen Nachfolgers gehörte zu den bedeutenden Fragen einer Herrschaftskonsolidierung im Mittelalter.

Mieszko I. indes hatte möglicherweise kurz vor seinem Tod versucht, seinen Sohn Boleslaw von der Erbfolge auszuschließen. Die Gründe dafür sind unklar. Dieses Unterfangen wird aus einer Urkundennotiz mit dem Namen „Dagome Iudex“ interpretiert, die uns nicht im Original vorliegt und erst von einem Kopisten und Mönch in den Jahren 1086/1087 notiert wurde. In der polnischen Forschung ist diese Quelle auch als „Odas Schenkung“ bekannt, denn im Prinzip geht es hier um die Beschreibung des Herrschaftsgebiets von Dagome (weite Teile der Forschung sehen hier eine Ableitung aus dem Lateinischen – Ego Mesco dux = Ich, Herzog Mieszko…) und seiner zweiten Frau Oda (Oda von Haldensleben). Es heißt hier in dem Regest:

 

„Auch sollen in einem anderen Buch aus der Zeit des Papstes Johannes XV. der Herr Dagome und die Herrin Ote, ebenso wie ihre Söhne Misico und Lambertus – ich weiß nicht, welchem Stamm diese Leute angehören, glaube aber, dass es sich um Sarden handelt, da jene stets von drei Herren regiert werden –, dem Heiligen Peter einen ganzen Staat namens Schinesghe geschenkt haben, mit allen Ländern, die sich entlang seiner Grenzen erstrecken und einerseits das Lange Meer berühren, entlang Preußens bis zu einem Ort namens Rus reichen und von dort weiter bis Krakau und direkt am Fluss Oder entlang bis zu einem Ort namens Alemure, und von diesem Alemura weiter bis zum Land der Milzen und von dessen Grenze bis zum Fluss Oder, dessen Lauf sie bis zur oben erwähnten Stadt Schinesghe folgen.“

 

In dieser Quelle wird eine Schenkung des Herrschaftsgebiets an den Apostolischen Stuhl erwähnt. Einige Historiker haben die These vertreten, dass diese Schenkung bewirken sollte, dass die unmittelbare und wohl schon anders geregelte Erbfolge doch noch zugunsten der minderjährigen Kinder aus zweiter Ehe mit Oda ausfiel. Wenngleich wir keine Quellen für den konkreten Fall hier besitzen, war es nun ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Erstgeborene (hier Boleslaw) bei Erreichen des waffenfähigen Alters die Erbfolge zugesichert bekam. Wir dürfen also mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass Boleslaw von Mieszko I. bereits die Erbfolge zugesichert bekommen hatte. Es ist mit der neuen Heirat Mieszkos I. also durchaus möglich, dass sich damit neue Perspektiven aufzeigten und Konflikte mit Boleslaw entstanden.

Ich neige hinsichtlich der Quellenlage aber eher zu der Ansicht, dass hier vor allem kirchenorganisatorische Perspektiven geregelt werden sollten, denn genau zum Jahrtausendwechsel wurden diese auch realisiert. Dabei ging es auch um die Stellung Gnesens, das nun Erzbistum wurde und damit den ersten Bischofssitz Polens, nämlich in Posen, den Rang abtrat. Krakau, Kolberg, Breslau und Posen wurden zu Suffraganbistümern erklärt und waren damit nachrangig. Dass der lateinische Name für Gnesen, „Schinesghe“, in der Quelle erwähnt  wird, spricht für diese Planungen.

In den ersten Jahren der Herrschaft erfahren wir unterdessen nur wenig über Boleslaw. Er beteiligte sich an einigen Zügen der Sachsen gegen die heidnischen Liutizen, war aber womöglich mehr mit der Konsolidierung seiner Herrschaft beschäftigt.

Im Mittelpunkt der schreibenden Zeitgenossen rückte Boleslaw erst wieder, als ein prächtiger Tross rund um den neuen Kaiser Otto III. sich Richtung Polen aufmachte. Was war geschehen?

Im böhmischen Reich tobte im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts ein Machtkampf zweier Familien – der Slavnikiden und der Premysliden. Der Slavnikide Wojciech, auf den Namen Adalbert getauft und zweiter Bischof von Prag, litt unter diesen Konflikten und hielt sich lieber am Hof Ottos III. in Rom auf. Als Lehrer des noch jungen Kindskönig muss er einen gewaltigen Einfluss auf diesen ausgeübt haben. Als der böhmische Herzog Boleslaw II., selbst Premyslide, die Slavnikiden 995 endgültig beseitigte, musste Adalbert seinen Bischofsstuhl räumen und ging als Missionar zu den heidnischen Prussen, den Vorfahren der späteren Preußen. Hier erlitt er 997 bei Elblag (Elbing) den Märtyrertod. Der Piast Boleslaw sah es als seine christliche Pflicht an, den Leichnam Adalberts auszulösen und ließ die Gebeine nach Gnesen überführen, wo Adalbert bestattet werden konnte.

Otto III., der seinem früheren Lehrer viel zu verdanken hatte und asketische Neigungen zeigte, nahm diese Überführung und Bestattung zum Anlass, nach Gnesen zu einer Wallfahrt aufzubrechen. Im März des Jahres 1000 machte sich ein imposanter Zug von Rom auf dem Weg nach Gnesen auf. Der Kaiser Otto III. erhielt von Boleslaw bei Bunzlau (Niederschlesien) weiteres Geleit und wurde schließlich nach Gnesen geführt.

Die Symbolik eines solchen Kaiserzugs wird man nicht unterschätzen dürfen, schließlich wurde die Ankunft des Kaisers von Ort zu Ort meist lange vorher vorbereitet und angekündigt. Der „Herrscheradventus“ war eine Inszenierung für sich, und es war nicht selten, dass Kaiser im Mittelalter solche Züge nutzten, um ihr Image als Wohltäter zu zeigen. Wir wissen aus der Zeit Konrads II. (1024-1039) beispielsweise, dass Bettler in Städten, die auf der Reiseroute des Königs oder Kaisers waren, vorher ausgesucht wurden, um ihnen dann vor der Zeugenschaft einer ganzen Stadt die Mildtätigkeit des Königs oder Kaisers zukommen zu lassen. Solche Inszenierungen werden zur Zeit verstärkt von der Forschung hinterfragt, schließlich war der König und Kaiser in einem großen Reich eher eine abwesende als anwesende Größe. Die scheinbare Spontanität solcher Inszenierungen verfehlte selten ihre Wirkung.

Otto III., der sein Herrschersiegel mit einer programmatischen Devise versehen hatte und hier die „renovatio imperii romanorum“ – „die Erneuerung des römischen Reiches“ forderte, ließ sich in Gnesen huldigen, übergab Boleslaw zugleich eine Nachbildung der Heiligen Lanze für Boleslaws christliche Herrschaft und begründete damit eine Rangerhöhung, die ihm in den Augen vieler Zeitgenossen nicht zustand. Der Chronist Thietmar von Merseburg notiert kritisch, dass Otto III. mit dieser Übergabe einen „tributarius“ (also einen Untergebenen) zum „dominus“ gemacht habe, stand die Heilige Lanze doch für einen klaren christlichen Herrschaftsanspruch von Königen. Ein Evangeliar (ein Evangelienbuch) zum Akt von Gnesen zeigt indes deutlich, was Otto III. wirklich mit dieser Übergabe bezweckte. Es zeigt den herrschenden Otto III. auf dem Thron, während vier allegorische Frauen mit Namen „Roma“, „Gallia“, „Germania“ und „Sclavinia“ ihm im Bild huldigen. Diese Anknüpfung an das Römische Reich sollte verdeutlichen, dass die Überlegenheit des Christentums sich nun in einem Weltreich widerspiegelte, der römische Kaiser der Stellvertreter Christi auf Erden war.

Anspruch und Wirklichkeit klafften auch schon früher mitunter weit auseinander – Otto III. verstarb viel zu früh im Januar 1002 und hinterließ als kinderloser Kaiser ein Reich, dass aufgrund eines Nachfolgekonfliktes zusammenzubrechen drohte. Im Verlaufe dieses Konflikts konnte sich die bayrische Linie der Ottonen, die auf den Bruder Ottos des Großen Heinrich zurück ging, durchsetzen. Heinrich II. wurde Ottos III. Nachfolger und hatte nun bis zu seinem Tod im Jahre 1024 in Boleslaw einen ständigen Feind. Wie sollte man eine in sich zweifelhafte und unangemessene Rangerhöhung rückgängig machen? Heinrich II. war nicht gewillt, diesem piastischen Emporkömmling freien Lauf zu lassen, während Boleslaw Zeit seines Lebens diesen Anspruch aufrecht erhielt. „Nomen est omen.“

Die polnische Geschichtsforschung hat im Akt zu Gnesen lange Zeit die eigentliche Legitimation des polnischen Staates gesehen. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Eine Staatsform, wie wir sie uns heute denken, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Könige und Kaiser reisten umher, hatten aber noch keinen wirklichen Staatsaufbau, der personenunabhängig funktionierte. Sicher ist unterdessen, dass der Akt zu Gnesen sowie Boleslaws Wirken wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich das Christentum in Polen weiter und intensiver ausbreitete. Brun von Querfurt, Missionar und Chronist, hat in mehreren Briefen (zwischen 1007-1009 n. Chr.) an Heinrich II. dafür geworben, dass dieser seinen Zorn auf Boleslaw fallen lasse. Immerhin gehe es doch um die erfolgreiche Mission. Polen war an den Peripherien noch immer von heidnischen Stämmen geprägt. Auf den Kaiser Heinrich II. machten diese Briefe indes wenig Eindruck. Boleslaw hielt sich hartnäckig an der Herrschaft und konsolidierte diese nachhaltig. Seine Leistung besteht darin, dass er das Christentum als Legitimation seiner persönlichen Herrschaft nutzte, zugleich aber die „Sclavinia“ als neuen Herrschaftsraum etablierte und damit einen Grundstein für eine spätere Nationenbildung legte.

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